Imagined Europeans
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Teilprojekt 1 der Humboldt-Universität zu Berlin
„Der Homo Europaeus in Wissenschaft und Politik“
 
Der Homo Europaeus als Objekt biowissenschaftlicher Forschung im 20. Jahrhundert
Veronika Lipphardt, Postdoktorandin

Seit Linné im 18. Jahrhundert den Begriff des “Homo Europaeus” prägte, bemühten sich zahlreiche Biowissenschaftler weltweit um die Erforschung des Europäers sowie seiner vermeintlich biologisch bedingten Eigenschaften, Verhaltensweisen und Bedürfnisse. Biologische Konzepte der “europäischen Rasse” schlossen verschiedene nationale, ethnische oder politische Gruppen ein und grenzten andere aus. Bei aller Uneinigkeit, wie die Klassifikation der „europäischen Rasse“ genau auszusehen habe, bestand unter Biowissenschaftlern doch Einigkeit darin, dass eine Abgrenzung des Europäers vom Nicht-Europäer möglich sein müsse.

Aber der Europäer wurde in den Biowissenschaften nicht nur klassifiziert, abgegrenzt, ein- und zugeordnet, sondern auch mit einer biologischen Geschichte versehen. Seit den Darwinschen Theorien erzählten Biowissenschaftler die Geschichte der Menschheit in biologischen Begriffen, als Geschichte von Inzucht und Kreuzung, Selektion und Migration, Umwelteinflüssen und Vererbung. Der Homo Europaeus hat, folgt man dieser biologischen Geschichtserzählung, als spezifisches Produkt europäischer Geschichte zu gelten.

Wohingegen bereits zahlreiche Studien über die biologische Konstruktion nationaler Identitäten vorliegen, ist die biologische Konstruktion des Europäer-Seins bisher nicht Gegenstand von Untersuchungen gewesen. Indem ich mich auf die Biowissenschaften des 20. Jahrhunderts konzentriere, möchte ich mehrere Fragen stellen:

In welchem Sinn verstanden Biowissenschaftler die Europäer als biologisch kohärente Gruppe? Welche Methoden und theoretischen Ansätze wählten sie, um seine vermeintlich biologischen Eigenschaften zu erforschen? Wie interagierten oder konfligierten biologische Vorstellungen des Homo Europaeus mit denjenigen von nationalen Individuen oder Gesellschaften?

Wie erzählten Biowissenschaftler bei ihren Beschreibungen der menschlichen Evolution die Geschichte Europas, und welche Priorität forderten sie für ihre Erzählung ein (z.B. gegenüber derjenigen von Historikern)?

Um diese Fragen zu beantworten, stütze ich mich auf ein breites Spektrum an archivalischem und publiziertem Material aus der biowissenschaftlichen Forschung und Lehre sowie der Wissenschaftspopularisierung. Mein Ansatz lehnt sich an Bruno Latours actor-network-theory an.