| |
Die wissenschaftliche Konstruktion von Fahrern. Eine Fallstudie über Menschmodelle in der Automobilindustrie, 1950-2000
Dr. Kilian J. L. Steiner, Postdoktorand
Sicherheit entwickelte sich in der zweiten Hälfte 20. Jahrhunderts beiderseits des Atlantiks zum dominanten Thema des gesellschaftlichen Automobildiskurses. Über dessen Verlauf sind wir, nicht zuletzt dank einer Reihe von Spezialstudien zur Innovationsgeschichte automobiler Sicherheitstechnik, einigermaßen gut informiert. Obwohl gerade in diesen Studien immer wieder die Bedeutung des Menschen, seiner Konstitution und Biomechanik für das System Auto hervorgehoben wird, liegen bislang aber keine Arbeiten vor, die sich aus einer historischen Perspektive mit der Schnittstelle Mensch-Maschine im Automobil und der Physis der Fahrer ernsthaft befasst haben. Die in der Automobilindustrie verwendeten anthropologischen, ergonomischen und medizinischen Nutzerkonstruktionen sind damit bisher kaum hinterfragt worden.
Um Mensch und Maschine aufeinander abstimmen zu können, sind Entwickler auf möglichst genaue Daten der künftigen Nutzer angewiesen. Wissen aus dem Bereich der Anthropologie, Ergonomie und Medizin muss deshalb in den Bereich der Produktion übertragen werden. In der Automobilindustrie werden diese Daten unter anderem für das jeder Fahrzeugentwicklung zu Grunde liegende so genannte „Package Design“ sowie für die Auslegung von Prüfeinrichtungen wie z. B. Crashtest Dummies benötigt. Die mit wissenschaftlichen Methoden erhobenen Daten fließen damit in die Produktgestaltung von Automobilen als Massengütern ein, ohne aber die körperlichen Besonderheiten menschlicher Individuen berücksichtigen zu können. Die Nutzer müssen sich den von Wissenschaft und Industrie gesetzten Standards anpassen. Dieser Prozess der wissenschaftlichen Konstruktion eines standardisierten Nutzerbildes in Form von Zeichenschablonen, Crashtest Dummies und Avataren soll im nationalen, europäischen und transatlantischen Kontext beleuchtet werden.
|