Imagined Europeans
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Imagined Europeans
Gibt es „den Europäer“ wirklich?
Gesellschaftliche Konstruktionen des Europäers
Wissenschaftliche Konstruktionen vom Europäer
Der Homo Europaeus in Politik und Wirtschaft


IMAGINED EUROPEANS.
DIE WISSENSCHAFTLICHE KONSTRUKTION DES HOMO EUROPAEUS


Europa ist eine Erfindung des Europäers. Aber wer erfand den Europäer? Seit wann bevölkert der Homo Europaeus - als Durchschnittsmensch, als Idealtypus, als Repräsentant - die Vorstellungswelten derer, die sich im erfundenen Europa beheimatet wähnen? Durch welche Kulturtechniken schneidert man dem Erfundenen seine physische und psychische Beschaffenheit, sein Aussehen, seinen Charakter auf den Leib?

Das Projekt „Imagined Europeans. Die wissenschaftliche Konstruktion des Homo Europaeus“ fragt nach Vorstellungen vom Europäer, die im Alltag und in der Öffentlichkeit, in Wirtschaft und Politik wirksam sind. Besonderes Augenmerk liegt auf jenen Vorstellungen, die von Wissenschaftlern formuliert und praktiziert werden. Dabei geht die Projektgruppe von der These aus, dass gesellschaftlich konstruierte Vorstellungen vom Europäer in wissenschaftliche Untersuchungen einfließen und in diesen wissenschaftlich reformuliert werden. Anschließend finden sie als wissenschaftlich bewiesene Fakten Verwendung in den unterschiedlichsten Bereichen der Wissensgesellschaft, bei der Herstellung von normierten Gebrauchsgegenständen oder im Bildungs- und Gesundheitswesen.

So taucht z.B. die biowissenschaftliche Unterteilung der Menschheit in drei „Großrassen“ - „Europide“, „Negride“ und „Mongolide“ - noch in universitären und schulischen Lehrbüchern des späten 20. Jahrhunderts auf; ähnlich wie in der heutigen Pharmazie, die Medikamente für verschiedene Ethnien entwirft. Genetische Forschungen der vergangenen Jahre haben eine „biologische Geschichte“ des Europäers geschrieben, welche seither Einzug in Unterrichtsmedien und Nachschlagewerke hält. Biowissenschaftler und Mediziner sind seit dem 18. Jahrhundert, als Carl Linné den Homo Europaeus als Unterart des Homo Sapiens in sein Klassifikationssystem der Lebewesen einführte, mit der Klassifizierung, Beschreibung und Erforschung des Europäers als Varietät der menschlichen Spezies beschäftigt. Dem naturwissenschaftlichen Unterscheiden zwischen verschiedenen Menschengruppen liegt ein - meist biologisch argumentierender - „Essentialismus“ zugrunde: die Vorstellung einer faktisch gegebenen „Natur“ des (europäischen) Menschen, die auch seine Diversität erklären kann.

Gibt es „den Europäer“ wirklich?

Die Perspektive des Projektes auf Beschreibungen des Europäers mag zunächst irritieren: Sind diese Vorstellungen bloße Konstruktionen? Darf man etwa der modernen Populationsgenetik keinen Glauben schenken, wenn ihre Forschungen Unterschiede zwischen Europäern und Nicht-Europäern klar zu belegen versprechen? Hat der Europäer keine naturgegebenen Eigenschaften, keine natürliche Grundbeschaffenheit, die ihn unverwechselbar als aus Europa stammend ausweist? Warum soll es nicht möglich sein, „den Europäer“ wissenschaftlich zu beschreiben?

Einer solchen (essentialistischen) Herangehensweise liegt die Annahme zu Grunde, dass eine eindeutige Identifizierung des Europäers - im Gegensatz zum Nicht-Europäer - prinzipiell möglich sei. Aber bereits die Auswahl derer, die als Europäer untersucht und beschrieben werden sollen, ist prekär - genau wie die eindeutige Benennung einer geografischen, politischen oder kulturellen Grenze Europas. Welche Nationalitäten, Ethnien und Gruppen müssen berücksichtigt werden, damit eine repräsentative Datenbasis erhoben werden kann? So überzeugend die Forschungsergebnisse der Genetiker auch sind: Die Unterscheidung wird auch in der Wissenschaft stets auf der Grundlage kulturell-gesellschaftlicher Vorannahmen getroffen, die selten reflektiert oder explizit benannt werden.

Es geht uns also nicht darum, zu fragen, was am Europäer europäisch ist, wie er wurde, was er ‚ist’, und wie er vom Nicht-Europäer unterschieden werden kann. Stattdessen analysiert das Projekt, welche kulturellen Vorannahmen in die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion einfließen und von welchen (vermeintlich wissenschaftlich nachweisbaren) Eigenschaften des Europäers verschiedene Akteure in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ausgehen, wenn sie jeweils zwischen Europäern und Nicht-Europäern unterscheiden. Außerdem untersucht die Projektgruppe, wo diese Annahmen Verwendung finden und welche Folgen dies für die Imagined Europeans wie auch für die Imagined Non-Europeans haben kann. Denn Menschen, die sich selbst als Europäer verstehen, handeln mitunter als Europäer, schaffen europäische Lebenswelten und verleihen Vorstellungen von Europa Sinn und Ausstrahlungskraft.

Der „einheitliche europäische Menschentypus“ kann als ein gesellschaftliches Konstrukt gesehen werden, das in der modernen Wissensgesellschaft durch kulturelle, politische und wissenschaftliche Techniken auf vielfältige Weise reproduziert, kommuniziert und praktiziert wird.

Gesellschaftliche Konstruktionen des Europäers

Bilder des Europäers setzen sich als heterogene Collagen aus vielfältigen kulturellen Annahmen über den Europäer - und, in Abgrenzung, über den konstruierten Nicht-Europäer - zusammen. Der collageartige Charakter von Menschenbildern wird an diesem Beispiel deutlich: Alltags- und populäres Wissen, Stereotype und fragmentarische Rezeptionen kultureller Produkte verdichten sich zu meist unhinterfragten Fremd- und Eigenbildern, zu Bildern des Europäers und des Nicht-Europäers.

Diese Collagen kann man aus verschiedenen Richtungen untersuchen. Wie etwa Wolfgang Schmale mit einem ideengeschichtlichen Ansatz gezeigt hat, beschäftigten sich Philosophen und Intellektuelle bereits seit der Antike mit dem Homo Europaeus. Annahmen über die Natur des Europäers begegnen aber nicht nur in hoch reflektierter Form, in Texten oder sprachlichen Äußerungen, sondern auch in alltagspraktischen Zusammenhängen, in den Lebenswelten von Europäern und Nicht-Europäern. Entsprechend fragen kultur- und sozialwissenschaftliche Arbeiten danach, von welchen impliziten oder expliziten Vorstellungen Menschen in verschiedenen nationalen Kontexten innerhalb und außerhalb Europas ausgehen, wenn sie zwischen Europäern und Nicht-Europäern unterscheiden. Entsprechend beschäftigt sich die kritische Weißseinsforschung mit gesellschaftlichen Konstruktionen des Weißseins - und damit des Europäisch-Seins: Denn eines der zentralen Merkmale, die immer wieder als typisch für den Europäer reklamiert werden, ist seine „weiße“ Hautfarbe. Diese beiden Forschungsrichtungen bilden eine unverzichtbare Grundlage für das Projekt Imagined Europeans, das eine bislang kaum berücksichtigte Dimension untersucht: die wissenschaftlich gestützten Vorstellungen vom Europäer.

Anders als bisherige Studien zur Konstruktion europäischer Identitäten, die sich auf intellektuelle, politische und kulturelle Diskurse konzentrieren, legt das Projekt außerdem besonderes Augenmerk auf die wissenschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Praktiken, die das Bild des Europäers als Lebewesen anwendbar, praktizier- und technisierungsfähig sowie statistisch erfassbar machen. Das Projekt thematisiert also nicht die Imaginationen Europas, sondern die des Europäers als Lebewesen. Zwar werden diese beiden Imaginationsfelder als eng verwoben angesehen; auch intellektuelle Diskurse um Europa und Europäische Identität dürfen in ihrer Bedeutung für das Projektthema nicht unterschätzt werden. Die Fokussierung auf die Konstruktion des Europäers als Lebewesen erlaubt es jedoch, den Zugang zu europäischen Identitätskonstruktionen nicht nur über intellektuelle und politische Diskurse, sondern auch über Praktiken und Materialität zu suchen. Damit rückt das Projekt Bereiche in den Blick, die aus geistes- wie sozialwissenschaftlicher Sicht eher entlegen, unspektakulär oder gar unschuldig erscheinen, jedoch weitgehend unbemerkt den Alltag der Europäer bestimmen.

Wissenschaftliche Konstruktionen vom Europäer
Das Projekt Imagined Europeans konzentriert sich auf wissenschaftliche Konstruktionen des Homo Europaeus, die nicht etwa abgrenzbar von kulturellen Konstruktionen sind, sondern als deren Sonderfall betrachtet werden können. In der modernen Wissensgesellschaft haben solche Sonderfälle besonders große Relevanz. Allerdings kann eine rein ideengeschichtliche Herangehensweise deren Reichweite nicht voll erfassen: Wissenschaftliche Konstruktionen sind nicht immer auf der Ebene der expliziten Sinngebung, an der Oberfläche der historischen Quelle oder des Forschungsgegenstandes evident greifbar. Vielmehr findet man sie in unhinterfragten Vorannahmen, Ergebnissen und Anwendungen wissenschaftlicher Studien, deren Autoren wie selbstverständlich davon ausgehen, dass „die Europäer“ eine sinnvolle Forschungskategorie oder eine klar abgrenzbare Adressatengruppe anwendungsbezogener Wissenschaft darstellen.

Aus der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts lassen sich zahlreiche Beispiele für solche wissenschaftlichen Konstruktionen des Europäers anführen. Archäologen und Paläontologen suchten nach mumifizierten und fossilen Überresten der ersten Europäer; Anthropologen und Humangenetiker konstruierten den Stammbaum des heutigen europäischen Menschen und beschrieben seine biologische Beschaffenheit. Statistiker und Demografen errechneten seine durchschnittlichen Eigenschaften und Lebensdaten. Psychologen und Psychiater erforschten seine psychischen und geistigen Dispositionen; Mediziner studierten seine Krankheitsanfälligkeiten und Resistenzen. Ethologen und Physiologen suchten nach den Konstanten seines Verhaltens, seiner Sinneswahrnehmungen und Körperfunktionen sowie seines ästhetischen Empfindens.

Die selbstverständliche Voraussetzung der naturgegebenen, wissenschaftlich beweisbaren Existenz eines Homo Europaeus fand - mehr oder weniger deutlich artikuliert - Eingang in geistes-, kultur, sprach- und sozialwissenschaftliche Wissensfelder, die mit der Konstruktion europäischer Identitäten und der vergleichenden Unterscheidung zwischen dem Europäischen und dem Nichteuropäischen beschäftigt sind. Der Europäer galt dabei oftmals als Höhepunkt der zivilisatorischen Entwicklung des Homo Sapiens; er diente als Ausgangs- und Endpunkt, als Referenz- und Kontrollgrösse, als idealtypische Norm des Menschen schlechthin.

Der Homo Europaeus in Politik und Wirtschaft

Klassifikationen, Praktiken, Darstellungen und Theorien zur „Natur“ der menschlichen Vielfalt korrespondieren meist mit Imaginationen verschiedener politischer und sozialer Gemeinwesen, und zwar nicht nur von Nationen, sondern auch von Imperien, Regionen, Gemeinden, Konfessionen oder Familien. Anders formuliert: In kollektiven Identitätsentwürfen beschreiben Menschen die Zusammengehörigkeit einer Gruppe meist essentialistisch, als etwas Gegebenes, und zwar nicht nur kulturell, sozial oder historisch, sondern oft auch mit dem naturalistischen Rekurs auf die natürliche, biologische Gewordenheit des jeweiligen Gemeinwesens. Kulturell-historische und naturalistische Argumentationen erscheinen in solchen essentialistischen Identitätsdiskursen nicht getrennt voneinander oder gar im Widerspruch zueinander, sondern ineinander verschränkt.

In der Wissensgesellschaft kommt dem Wissen über Kultur, Geschichte und Natur bei der Stiftung einer gemeinsamen Identität besondere Bedeutung zu. Seit Beginn der europäischen Integration ist das neue Gemeinwesen auf identitätsstiftende Momente angewiesen, die die politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen als sinnvoll und gemeinschaftsfördernd begreifen lassen; dies umso dringlicher in jenen Regionen oder politischen Feldern, in denen Akzeptanzdefizite bestehen und EU-Bürger mit großer Skepsis auf Maßnahmen der EU reagieren. Angesichts verstärkter identitätspolitischer Bemühungen im Zusammenhang mit der EU-Integration fragt das Projekt daher auch nach denjenigen (wissensbasierten) Vorstellungen vom Europäer, die in den Verwaltungspraktiken der EU und den sie flankierenden, integrationsfördernden Maßnahmen zum Ausdruck kommen, bzw. nach Menschenbildern, die beim Versuch, europäische Identität zu vermitteln, Verwendung finden.

Dass das Projekt neben wissenschaftlichen auch wirtschaftliche Zusammenhänge in den Blick nimmt, erklärt sich aus den Interaktionen beider Felder: Die Wirtschaft fragt wissenschaftliche Studien an, um die potentiellen Käufer ihrer Produkte besser kennen zu lernen - ihren Geschmack, ihre Kaufkraft, Wünsche, Gewohnheiten und Bedürfnisse, aber auch ihr demografisches Verhalten, ihre Körpermaße, ihre genetische Beschaffenheit, ihre körperlichen Beschwerden. An diesen Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Konsument, so die Annahme, werden neben ökonomischen Daten auch Welt- und Menschenbilder verhandelt; so auch Vorstellungen vom Europäer, sofern sie den Auftraggebern und -ausführenden wissenschaftlicher Expertisen relevant erscheinen. In der modernen Wissensgesellschaft interagieren die Menschenbilder der Wissenschaften mit denen der Gesellschaft und der Öffentlichkeit; sie werden praktisch um- und performativ in Gang gesetzt. Ihre materiellen, kulturellen, politischen und institutionellen Ausführungen disziplinieren die Menschen, auf die sie sich beziehen; sie schlagen sich in Diskursen, praktisch-technischen Anwendungen und Ritualen nieder und bestimmen Alltag und Lebenswelt der disziplinierten Individuen.

Der Untersuchungsgegenstand des Verbundprojektes ist also nicht nur die kognitiv bewerkstelligte Konstruktion eines europäischen Lebewesens mit distinkten körperlichen und geistigen Eigenschaften, sondern der in Gesellschaft, Politik und Ökonomie auf der Grundlage dieses Menschenbildes normierte, diagnostizierte, praktizierte, ritualisierte, fabrizierte und reproduzierte Europäer. Vor dem Hintergrund unserer Fragestellung haben wir aussagekräftige Fälle aus verschiedenen Bereichen der Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft ausgesucht, ohne dabei allerdings Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Darunter finden sich z.B. die Automobilindustrie, die Pharmazie- und Nahrungsforschung, die EU-Agrarpolitik, die Biowissenschaften sowie der Blick „von außen“, d.h. von außerhalb Europas, auf den Europäer.




























































 





















 












































































































































Projektbeschreibung (124 kb) pdf_icon